Späte Einsicht: Ökonomie wäre eigentlich die Wissenschaft davon, wie wir unsere (re-) produktiven Tätigkeiten organisieren.
 
 
VON WERNER VONTOBEL
 
»Nicht von dem Wohlwollen der Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unser Mahlzeit, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse.“ Dieses Zitat von Adam Smith ist die Quintessenz dessen, war ich damals an der Universität Basel gelernt habe und was heute immer noch gelehrt wird. Meine eigene wirtschaftliche Realität war hingegen die, dass ich sämtliche Mahlzeiten dem Wohlwollen meiner Eltern zu verdanken  hatte. Und dem Wohlwollen des Staates war es geschuldet, dass mein Studium pro Semester nicht mehr als ein paar Hundert Franken kostete. Dasselbe galt für meiner Mitstudent/Innen.
 
Wie gingen wir mit diesem Widerspruch um? Nun, wir haben ihn ebensowenig bemerkt, wie Adam Smith, dessen Breakfast, Lunch und Dinner bis zu deren Tod von seiner Mutter gekocht und serviert wurde. Aber das wollten wir gar nicht so genau wissen. Frei nach Smith: Nicht der Befriedigung der Neugier gilt unser Studium, sondern dem eigenen Interesse an der Erlangung eines Diploms, und später vielleicht einer Professur, mit der wir den etablierten Wissenstand weitgeben konnten. Bis heute ist deshalb die Ökonomik die Wissenschaft vom Markt geblieben - unter Ausklammerung aller anderen produktiven Tätigkeiten.

13 Milliarden Stunden weniger unbezahlte Arbeit....


 Diese hatten noch nicht einmal einen Namen oder wurden bloss negativ definiert als „unbezahlte“ Arbeit, so als sei das eine Anomalität. In den Entwicklungsländern gab es den „informellen Sektor“, womit auch schon klar war,  dass Entwicklung darin besteht, das Informelle in das Formelle umzuwandeln. Zur Ehrenrettung der auf den Markt fixierten Ökonomen muss man allerdings auch sagen, dass der Markt den anderen Teil der Wirtschaft damals noch kaum behinderte: Mein Vater arbeitete bloss 10 Velominuten entfernt und kam zum gemeinsamen Mittagessen nach hause. Meine Mutter war – wie fast alle Mütter - Hausfrau und nähte und flickte als gelernte Schneiderin unsere Kleider. Mein Grossvater in Erlenbach ging noch zu Fuss zur Arbeit und half nebenbei der Grossmutter bei deren Tageswerk als fünffache Mutter und Kleinbäuerin mit vier Ziegen, 30 Hühnern und einem grossen Gemüsegarten, was vor allem dem Eigenbedarf diente.
 
Alle diese produktiven Tätigkeiten werden von der Ökonomik aus-, aber vom Markt immer mehr „eingeklammert“, bzw. von unbezahlte in bezahlte Arbeit umgewandelt. Das Ausmass dieser Verschiebung  ist letztmals in einer Veröffentlichung des deutschen Amts für Statistik, Destatis, beziffert  worden. Danach ist das Volumen der unbezahlten Arbeit zwischen 1992 und 2012 um 13 Milliarden Arbeitsstunden oder 15 Prozent pro Kopf gesunken. Der Grund dafür lag darin, dass Hausarbeit durch Erwerbsarbeit ersetzt worden ist. Gemäss dem Bericht, „etwa durch den Einsatz vorgefertigter Nahrungsmittel und die Inanspruchnahme von externen Dienstleistungen, wie Haushaltshilfen und Kinderbetreuungseinrichtungen.“ Inzwischen sind noch die Kurierdienste dazu gekommen und auch die Dienstboten-Jobs haben stark zugenommen. Die viel beschäftige, doppelverdienende Erwerbselite ist vermehrt auf solche (billige) Hilfe angewiesen, und sie sich auch leisten.

... weil sie in (mies) bezahlte umgewandelt worden ist


 
 
Die wichtigste Triebfeder dieser Entwicklung ist jedoch eine Wirtschaftspolitik, die bewusst darauf abzielt, Arbeitslosigkeit durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu vermeiden – und zwar auf zwei Schienen. Erstens soll billige Arbeit die Ausfuhren ankurbeln und damit die Arbeitslosigkeit gleichsam exportieren. In der Tat hat sich der Exportüberschuss in der erwähnten Zeitspann von 0,5 auf 7% des BIP erhöht. Zweitens soll dadurch unbezahlte in bezahlte Arbeit umgewandelt werden. Dass diese dennoch weiter schrumpft (von 1992 bis 2013 um 8 %), ist in der beschränkten Logik der Markt-Ökonomie bloss ein Grund mehr, den Arbeitsmarkt noch weiter zu flexibilisieren. Genau diese Politik ist  - nicht nur in Deutschland – seit 2013 weiter verfolgt worden. Mit den Folgen, die man kennt.
 
Die Markt-Ökonomie hat uns offenbar in eine Sackgasse geführt und an den ökologischen und sozialen Abgrund. Doch welche Perspektiven ergeben sich, wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch nicht immer als Homo Ökonomicus tickt und seine produktiven Tätigkeiten auch anders koordiniert? Die Grundlagen, auf der wir diese Frage erörtern können sind längst da. Unter vielen anderen habe ich mich von den Glücksforschern Bruno S. Frey und Andrew Oswald, vom experimentellen Ökonomen Erst Fehr und vom Anthropologen Alan Page Fiske inspierieren lassen. Der hat in seinem Buch „Structures of Social Life“ die These begründet, dass alle menschlichen Beziehungen – und die der Primaten – mehr als eine Million Jahre lang in drei Modalitäten abgelaufen sind: kommunitäre  Gleichberechtigung, Hierarchie und Gegenseitigkeit. Erst seit etwa 10'000 Jahren ist  noch eine vierte Modalität hinzugekommen – der Marktmodus.

Die Marktwirtschaft als Vertreibung aus dem Paradies
 
 
 Damit kam ein schmerzhafter Lernprozess in Gang, dessen Anfänge vom Evolutionsbiologen Carel van Schaik und vom Historiker Kai Michel in ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit - was die Bibel über unsere Evolution verrät“ als Vertreibung aus dem Paradies geschildert wird. Die einstigen nomadischen Jäger und Sammler mussten ihr soziales Zusammenleben als sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter völlig neu ordnen. Dieser Lernprozess ist noch nicht abgeschlossen. Doch heute wären wir eigentlich an einem Punkt angelangt, wo wir die Frage nach der richtigen Dosierung des Marktes intelligent erörtern und uns in der Wirtschaftspolitik von diesen Erkenntnisse leiten lassen könnten. Fangen wir mit einer Auslegeordnung an:
 
Um produktiv tätig zu werden, müssen wir zunächst die (privaten und kollektiven) Bedürfnisse erkennen, zweitens müssen wir die Tätigkeiten aufeinander abstimmen und drittens schliesslich muss die Beute (das Produkt der Arbeit) verteilt werden. Dafür stehen den Menschen grundsätzlich zwei Koordinationsmechismen zu Verfügung,  der Markt und die geldlose Bedarfswirtschaft (die drei primären Modalitäten). Nach welchen Regeln und Gepflogenheiten diese tickt, ist von Land zu Land, von Stamm zu Stamm unterschiedlich. Aber es gibt viele Gemeinsamkeiten. Zwei Merkmale stechen heraus. Da ist einmal ein ausgeprägter Hang zur Solidarität, bis hin zur Bereitschaft, Trittbrettfahrer auch auf eigene Kosten zu bestrafen. Zweitens wird die Arbeit so organisiert, dass sie Spass macht und insbesondere die sozialen Bedürfnisse befriedigt. Oder andersherum gesagt: Das Lustzentrum in unserem Gehirn ist so programmiert, dass auch die Arbeit an sich Spass macht, nicht bloss der Verzehr der Beute. Das ist überlebenswichtig: Wir müssen uns auf die nächste Jagd auch dann freuen, wenn die letzte erfolglos war.
 
Schauen wir uns nun mal an, wie die beiden Koordinationsmechanismen in den drei ökonomischen Hauptdisziplinen abschneiden.
 
Erstens: Erkennen der Bedürfnisse. Hier hat die Bedarfswirtschaft einen grossen, zweifachen Vorteil. Zum einen organisiert sie die Arbeit so, dass sie Spass macht, und dass das  Bedürfnis nach sozialem Einbezug befriedigt wird. Zum andern reagiert die Bedarfswirtschaft direkt auf die eigenen Bedürfnisse, bzw. auf die der Gemeinschaft.
Das ist beim Markt nicht der Fall. Hier werden wir tätig, um die Bedürfnisse von Fremden zu befriedigen –sofern diese vorab mit genügend Kaufkraft ausgestattet worden sind. Das ist schon mal ziemlich komplex und führt immer öfter dazu, dass der Markt vor lauter Nachfrage die Bedürfnisse ganz aus den Augen verliert. Kommt dazu, dass die Marktwirtschaft mit sozialem Einbezug wenig am Hut hat. Im Gegenteil: Sie frustriert das Bedürfnis nach sozialer Einbindung, indem sie die Drohung mit dem Ausschluss aus der Produktionsgemeinschaft  zur Steigerung der Effizienz nützt. Wer entlassen werden kann, arbeitet härter. Punkto Erkennen der Bedürfnisse hat die Bedarfswirtschaft also klar die Nase vorn.
 
In der zweiten Disziplin, der Produktion, bzw. Koordination der produktiven Tätigkeiten,
spielt der Markt seine grossen Vorteile aus. Weil wir hier nicht nur für wenige Bekannte, sondern für viele Unbekannte tätig werden, können wir uns spezialisieren. Wir können die Vorteile der Massenproduktion nutzen. Der Austausch von Wissen findet in einem ungleich grösseren Rahmen statt. Wir können uns aus der Enge der Familien und Sippen befreien. Das gilt vor allem für die Frauen. Der Markt hat der Menschheit nicht nur materiell, sondern auch geistig einen Quantensprung ermöglicht. Das wollen wir nie mehr missen. Dieser Punkt geht ganz klar an den Markt.
 
In der dritten Disziplin, der Verteilung der Beute, liegen die Vorteile wiederum klar bei der Bedarfswirtschaft. Sie verteilt die Beute nach Bedarf, bzw. so, dass alle leistungsfähig und –willig bleiben. Alles andere würde das Überleben auf Dauer gefährden. In der Marktwirtschaft hingegen werden die Geldeinkommen extrem ungleich verteilt. Selbst in der relativ egalitären Schweiz entfallen 50% der Markteinkommen auf das reichste, aber nicht einmal 2,5 Prozent  auf das ärmste Fünftel der Steuerzahler.

Viel von dem, was wir BIP nennen, dient nur dazu, die Komplexität des Marktes zu bewältigen

 
Aus evolutionärer Sicht ist da ein grober Fehler, der mit einer teuren Umverteilungsbürokratie ausgebügelt werden muss. Doch  das ist noch längst nicht alles: Anders als die Bedarfswirtschaft braucht der Markt eine Arbeitsmarktbürokratie, eine Finanzindustrie, die in der Schweiz 16 Prozent des BIP verschlingt. Da er die Bedürfnisse (der Fremden) die er befriedigt, erst wecken muss, bracht er eine Werbeindustrie und immer mehr Transportleistungen. Kurz: Ein wachsender Teil dessen, was wir zum Bruttosozialprodukt addieren, dient bloss dazu, die vom Markt geschaffene Komplexität zu bewältigung.
 
Das legt den Schluss nahe, dass wir besser leben könnten, wenn wir unsere produktiven Tätigkeiten wieder vermehrt in die Bedarfswirtschaft zurückverlagern und dem Markt nur das überlassen, was er wirklich besser kann. Zur Bedarfswirtschaft gehören alle Gemeinschaften, die für die eigenen Bedürfnisse tätig werden: Das waren einst vor allem die Familien, Sippen und Nachbarschaften. In diesem geldlosen Teil der Bedarfswirtschaft wird auch heute noch weit über die Hälfte der Arbeit geleistet. Die Kommunen und Länder bilden die erweiterte Bedarfswirtschaft. Auch sie reagieren direkt auf die (kollektiven) Bedürfnisse ihrer Bürger.
 
Alle Teile der Bedarfswirtschaft sind in den letzten Jahrzehnten in die Defensive gedrängt worden. Die Familien und Nachbarschaften leiden vor allem unter den Mobilitäts- und Flexibilitätserfordernissen der Konkurrenzwirtschaft. Die Konkurrenz zwingt die Unternehmen dazu, den Faktor Arbeit immer nur dort und nur dann einzusetzen, wo und wann er den höchsten monetären Nutzen bringt. Das erfordert flexible Arbeitszeiten, lange Arbeitswege, häufiger Stellenwechsel.
 
Damit aber werden die Produktionsstätten der geldlosen Bedarfswirtschaft – die Familien und Nachbarschaften - geschwächt oder gar zerstört. Wie die sinkenden Geburtenraten zeigen, leiden darunter auch die reproduktiven Tätigkeiten. In dem erwähnten Destatis-Bericht steht, dass die unbezahlte Arbeit auch deshalb massiv geschrumpft sei, weil die Zahl der Kinder unter 12 Jahren von 10,6 auf 8,3 Millionen geschrumpft ist. Einen Zusammenhang mit der zunehmenden Unsicherheit der Arbeitsmärkte  stellt der Bericht nicht her. Marktökonomen danken nicht in solchen Zusammenhängen.

Der Markt und die erlernte Hilflosigkeit
 
Doch auch die Institutionen der erweiterten Bedarfswirtschaft, die Staaten und Kommunen, geraten in Bedrängnis. Viele Regionen haben im Zuge des globalen Standortwettbewerbs die Fähigkeit verloren haben, sich so zu organisieren, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und decken können. Zwar liegt dort die Arbeit gleichsam auf den (löchrigen) Strassen und schreit aus hungrigen Mündern. Aber die dortigen Arbeitsämter vermitteln die jungen mobilen Leute in andere Regionen, wo zumindest die dringendste Arbeit schon gemacht ist. Und Lokalpolitiker bemühen sich mit Investitionszuschüssen um die Ansiedlung eines Verteilzentrums von – sagen wir – Zalando, auf dass mies bezahlte Kuriere Fremden überflüssige Klamotten ins Haus liefern können.  Doch statt von den Zalando-Angestellten die zur Finanzierung der Infrastruktur nötigen Steuern eintreiben zu können, muss ihnen der Staat noch die mageren Löhne aufstocken.
 
Mit einer Politik, die vor allem auf die Stärkung der Bedarfswirtschaft abzielt, kann man mehr erreichen. Die Instrumente dazu sind einerseits das Arbeitsrecht wie etwa eine Verkürzung der Arbeitszeiten. Wie produktiv die Bedarfswirtschaft sein kann, ist aber vor allen auch eine Frage des Städtebaus und der Verkehrspolitik. An diesem Punkt meiner theoretischen Überlegungen mir die Praktiker und Genossenschaftsaaktivisten Hans E. Widmer und Fred Frohofer weitergeholfen. Aus diesen Gedankenausstausch ist das Buch, „eine Ökonomie der kurzen Wege“ entstanden.  Es ist einerseits ein kurzes Lehrbuch der Ökonomie und zeigt, wie deren Erkenntnisse praktisch umgesetzt werden könnten.
 
In Stichworten: Kernstück ist eine Nachbarschaft von etwa 500 Bewohnern. Der individuelle Wohnraum ist mit rund 25 Quadratmetern pro Kopf knapp, dafür gibt es viele Gemeinschaftsräume. Man wohnt dort aber nicht nur, sondern ist auch Teil einer kleinen Produktions- und Konsumgemeinschaft: Kinderhütedienste, Gastronomie, Reparaturdienste und kulturelle Anlässe werden gemeinsam organisiert, teils auch mit bezahlter Arbeit. Im Idealfall betreibt die Nachbarschaft einen Bauernhof mit Pächter oder Vertragsbauer.

30 Prozent weniger Arbeit für ein besseres Leben
 

Etwa 30 Nachbarschaften bilden ein Quartier mit einen Kindergarten, Primarschule, Quartierzentrum, Quartierläden etc. 20 Quartiere bilden eine Stadt mit ihrer Verwaltung, höheren Schulen, Theater, Museen etc. Innerhalb der Stadt ist alles innerhalb von 20 Velominuten erreichbar. Etwa 80 Prozent der bezahlten Arbeit, die in der Stadt geleistet wird, dient letztlich dem städtischen Bedarf.
 
In einem solchen Umfeld gehen die monetären Ausgaben für Miete, Kinderippe, Verkehr, Nahrung und Unterhaltung deutlich zurück. Wir schätzen, dass ein Paar mit zwei Kindern die Kosten um rund 30 Prozent und den Zeitaufwand für Erwerbsarbeit und Arbeitsweg um 10 Wochenstunden pro Elternteil senken kann. Rentnerpaare können ihren Finanzaufwand dank freiwilliger und bezahlter Arbeit in der Gemeinschaft ebenfalls deutlich senken. Fünf bis 10 Prozent der bezahlten Arbeit fallen innerhalb der Gemeinschaft an. Das schafft einen gewissen Puffer gegen die Arbeitslosigkeit und entlastet den Sozialstaat.
 
So weit ein kursorischer Blick in eine mögliche bessere Zukunft. Ähnliche Gedanken finden sich auch in der vor allem in Frankreich beheimateten Denkschule der Economie résidentielle. Exponenten der „Grünen“ leuchtet zwar ein, dass ein gutes und ökologisch nachhaltiges Leben nur in einer Ökonomie der Nähe möglich ist, doch sie befürchten, dass „Systemveränderer“ keine Wahlen gewinnen können.
 
Hundert Jahre schlechte Ökonomie haben tiefe Spuren im kollektiven Gehirn hinterlassen.
 
«Eine Ökonomie der kurzen Wege»
 
 
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