Vom  Inhalt her lohnt es sich nicht, auf diese Geschichte einzugehen. Doch die  Machart ist bemerkenswert: Sie ist ein typisches Produkt des modernen Wirtschaftsjournalismus und des Zeitdrucks, der hier herrscht: „Wir müssen dringend noch ein Seite füllen und ich habe auch schon eine Idee: Macron hatten wir jetzt schon lange zeit nicht mehr.“ (fiktiver Dialog)
 
Herausgekommen ist dabei ein Text in der Zürcher „SonntagsZeitung“ unter dem Titel „Frankreich will wieder Spitze werden“.  Der Untertitel fasst die Story zusammen: „“In rasantem Tempo setzt Präsident Emmanuel Macon eine wichtigste Wirtschaftsreform nach der anderen um. Und könnte mit dieser Strategie sogar die Wachstumslokomotive Deutschland abhängen. „ Als Illustration verwendete man das bekannte Bild  von Macron in einer Chip-Fabrik, stechender Blick, weisser Schutzanzug. Unten auf der Seite zeigt eine Graphik die indexierte Entwicklung des BIP seit 2009 von Frankreich, der Schweiz und Deutschland. Titel: Frankreich ist zurückgefallen. 
 
Damit ist das Setting gegeben. Es geht- wie immer – um den Standortwettbewerb. Der Journalist sitzt in der Zuschauerloge. Er weiss natürlich genau, mit welchen Reformen man den Standortwettbewerb gewinnt und verteilt Noten an die Politiker, die es noch nicht geschnallt oder wieder vergessen, oder nicht den Mut haben, die Reformen endlich durchzuziehen.  Alles nur eine Frage des Reformeifers. Als Kronzeuge dient Ihnen in der Regel der Chefökonomen einer Bank. Chefökonomen wissen Bescheid und haben den Vorteil, dass sie für viele Geschichten zu gebrauchen sind.
 
In vorliegenden Text kommen Bruno Cavalier, Chefökonomen der Bankengruppe Oddo BHF in Paris und Holger Schmieding, Chefökonom der Bank Berenberg zu Wort. Von Cavalier stammt nur ein Zitat. Er ist sich sicher: „Frankreich steht vor einem Comeback.“ Zu Schmieding haben die Autorinnen offenbar einen direkten Draht. Von ihm stammt unter anderem diese Erkenntnis: „In Ländern mit kaputtem Arbeitsmarkt  ist der Druck, etwas an den Verhältnissen zu ändern, besonders gross. Die Zeit war reif für einen Wandel und Macron war genau der richtige Mann dafür.“ Für Deutschland, erfahren wir weiter, habe dieser Druck leider abgenommen. „Dem Land geht es so gut, dass sich die Politik mehr um Wohltaten statt um Reformen kümmert.“ Zum krönenden Abschluss darf der Herr von Berenberg dasselbe noch einmal mit anderen Worten sagen: „Deutschland geriert sich wie ein Spitzensportler, der so weit vor den anderen ist, dass er meint, weniger trainieren zu müssen. Frankreich hingegen ist dabei, heftig zu trainieren – und wird Deutschland daher im Wettbewerb um die Goldmedaillen schlagen.“
 
Spätestens hier dämmert es dem Leser auf, dass es in diesem Text letztlich nur um Deutschland geht. Frankreich liefert nur den Vorwand, um den erlahmten deutschen Reformeifer anzustacheln. Ein Blick auf die Autorenzeile bestätigt den Verdacht: In Autorenzeile stehen Anja Ettel und Gesche Wüpper. Dass es sich dabei um Mitarbeiterinnen der deutschen Zeitung „die Welt“ handelt, wird nicht offen gelegt. Wäre ja auch zu peinlich, dass sich eine Schweizer Zeitung in Deutschland bedienen muss, um über das Nachbarland Frankreich zu berichten. Doch das eigentliche Problem ist, weniger, dass die beiden Autorinnen  keine grosse Ahnung von Frankreich haben, sondern, dass sie - wie sehr viele Wirtschaftsjournalisten - die ganze Welt – Frankreich hin, Deutschland her -  immer nur aus dem Blickwinkel der globalen Investoren sehen.
 
Das zeigt sich auch an den zwei einzigen Indizien die im Text dafür vorgebracht werden, dass es mit Frankreich unter Macron aufwärts gehe. Erstens das „Stimmungsbarometer der Konzerne“, das im Dezember auf den höchsten Stand der letzten zehn  Jahre gestiegen sei. Zweitens eine Umfrage von Ipsos, wonach jetzt 72% statt bisher nur 38% der befragten Manager überzeugt seien, dass ihr Mutterkonzern wieder in Frankreich investieren werde.
 
Was hier in diesem Text durchschimmert ist typisch für die Sichtweise der allermeisten Wirtschaftsjournalisten: Alles ist Standortwettbewerb. Wohlstand und Arbeitsplätze hängen vom Wohlwollen der globalen Investoren ab. Diese mögen es, wenn die Arbeitsmärkte dereguliert, Staatsbetriebe privatisiert und die Gewinnsteuern gesenkt werden. „Wohltaten“ mögen sie weniger. Macron hat dies offenbar genau so begriffen wie zuvor sein Vorbild Gerhard Schröder.
 
Als Journalist sollte man solche Reformen hinterfragen, bevor man sie als „längst überfällig“ oder als „schmerzhaft aber unausweichlich“ bezeichnet. Bringt eine Deregulierung des Arbeitsmarktes tatsächlich mehr Jobs? Wie und für wen wirken sich die sinkenden Löhne aus? Entscheidet wirklich das globale Kapital darüber, wo Stellen geschaffen werden? Dazu gibt es jede Menge von Material und Indizien. Etwa die inzwischen Dutzenden von Reportagen über die miesen Arbeitsbedingungen in dem von Schröder geschaffenen Niedriglohnsektor. Oder man schaue mal in den offiziellen Statistiken nach, wo in den letzten Jahrzehnten per Saldo Jobs geschaffen worden sind. Nicht in den traditionellen Exportindustrien, sondern im Gesundheitswesen, Bildung, Sicherheit etc. Auch der Niedergang der deutschen Mittel-und Unterschicht seit den Schröder-Reformen, ist inzwischen bestens dokumentiert. So kann man etwa hier nachlesen, dass die Einkommen der unteren 40% der deutschen Haushalte seit 1999 (in etwa Schröders Amtsantritt) real um rund 8% gesunken und die des reichsten Zehntels um gut 15% gestiegen sind.
 
Zu diesen glücklichen 10% gehören natürlich auch die Bankökonomen Schmieding und Cavalier. Für sie waren die Reformen nicht schmerzhalft. Aus ihrer Sicht ist es deshalb nicht ganz unverständlich, dass sie Deutschland als wirtschaftspolitischen „Musterschüler“ preisen und dass sie sich davor fürchten, dass sich Macron „in seinem Reformeifer verzetteln“ könnte. Bankökonomen sind nun mal gut dafür bezahlt, his masters voice zu sein. Von Journalisten hingegen sollte man erwarten, dass die ihren Job machen.





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